Resilienz in Life Sciences: Globale Netzwerke auf Veränderungen vorbereiten 

Resilienz in Life Sciences: Globale Netzwerke auf Veränderungen vorbereiten 
Jahr: 2026 Artikel Industry: Life Sciences

Die Life-Sciences-Industrie hat globale Produktionsnetzwerke aufgebaut, die eine effiziente Versorgung mit lebensrettenden Produkten in grossem Massstab ermöglichen. Doch Handelsbedingungen verändern sich, Cyberbedrohungen entwickeln sich weiter und Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) schaffen neue Abhängigkeiten. Die zentrale Aufgabe besteht deshalb darin, diese Netzwerke anpassungsfähiger zu machen, ohne ihre bewährten Stärken zu verlieren. 

Eraneos Partner Matthias Wittig leitet den Bereich Life Sciences in der Schweiz und ist für die Forschung und Entwicklung innerhalb von Eraneos in Europa verantwortlich. Er betont, dass die besondere Pflicht der Branche, Patientinnen und Patienten zu schützen, Resilienz zu einer strategischen Notwendigkeit macht und nicht nur zu einem operativen Compliance-Thema. 

«Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, die Welt sei ein einziger offener Markt für lebensrettende Medikamente und Technologien. Deglobalisierung gehört zwingend in die Resilienzdebatte – unabhängig davon, ob es um Wirkstoffe, Lieferketten, künstliche Intelligenz oder neue Formen von Cyberangriffen geht.»
Matthias Wittig, Partner

Deglobalisierung erfordert möglicherweise neue Produktionsmodelle


Globale Life-Sciences-Unternehmen sind stark auf pharmazeutische Wirkstoffe, sogenannte Active Pharmaceutical Ingredients (APIs), sowie auf Produktionskapazitäten in China und Indien angewiesen. Gleichzeitig erschweren die US-Handelspolitik, die Spannungen rund um Taiwan und Europas wachsende Souveränitätsbestrebungen eine verlässliche langfristige Planung. Führungskräfte benötigen deshalb ein klares Bild davon, wie die Versorgung auch dann aufrechterhalten werden kann, wenn grenzüberschreitende Warenströme langsamer werden oder sich grundlegend verändern.

«Kosten und Qualität bleiben immer entscheidend. Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, was ein veränderter Zugang zu einem wichtigen Markt wie China bedeuten würde und welche Auswirkungen die Spannungen rund um Taiwan auf grenzüberschreitende Transaktionen haben könnten. Patientinnen und Patienten müssen sich darauf verlassen können, die benötigten Behandlungen zu erhalten», sagt Matthias.


Einen alternativen API-Lieferanten zu finden, ist dabei nur der erste Schritt. Da ein Wechsel Zeit benötigt und regulatorisch genehmigt werden muss, sollten Qualitätsmanagement, Regulatory Affairs, Supply Chain und Produktion mögliche Alternativen frühzeitig qualifizieren und mit der Bestandsplanung abstimmen.

Für europäische Unternehmen könnte die Sicherung kritischer Wirkstoffe neue Ansätze erfordern, etwa zusätzliche Partnerschaften oder branchenübergreifende Kooperationen. In einem solchen Modell könnten mehrere Unternehmen gemeinsam regionale Produktionskapazitäten für komplexe APIs aufbauen, die keinen wesentlichen Einfluss auf die Eigenschaften des Endprodukts haben. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen bliebe bestehen, während gleichzeitig die Abhängigkeit von einer einzigen externen Bezugsquelle reduziert würde.

„Der Rohstoff ist nicht immer der entscheidende Wettbewerbsfaktor. Durch eine gemeinsame Branchenkooperation können Kapazitäten aufgebaut werden, die kein einzelnes Unternehmen allein bereitstellen muss“, sagt Matthias. Eine regionale Produktion ist häufig teurer, und auch die Genehmigungsverfahren in Europa können viel Zeit in Anspruch nehmen. Eine umfassende Kostenbetrachtung sollte jedoch auch den Wert einer zuverlässigen und kontinuierlichen Versorgung berücksichtigen.


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Cybersecurity-Strategien müssen auch staatlich gesteuerte Angriffe einbeziehen


Matthias sieht Cyberbedrohungen derzeit als eines der dringendsten Resilienzthemen der Branche. Staatlich unterstützte Angreifer verfügen über deutlich grössere Fähigkeiten und könnten Produktions- und Forschungsumgebungen in einem Ausmass attackieren, das klassische Incident-Response-Pläne nicht vollständig abdecken. Ein Sicherheitsvorfall in der Forschung kann Jahre an Arbeit und erhebliche Investitionen gefährden. Umso wichtiger ist es, bestehende Pläne auch gegen koordinierte und langfristig angelegte Angriffe zu testen.

«Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie Cyberangriffe, Automatisierung und KI die Konfliktführung verändern. Unternehmen müssen prüfen, ob ihre Pläne auch dann noch tragen, wenn nicht ein einzelner Hacker, sondern ein Staat den Angriff koordiniert», sagt Matthias.

Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen sollten Szenarien durchspielen, die Anlagensteuerungen, Forschungsdaten und kritische Lieferanten einbeziehen. Cyber- und Militärexpertinnen und -experten können dabei zusätzliche Perspektiven einbringen. So lassen sich blinde Flecken erkennen, Prioritäten festlegen und Entscheidungsbefugnisse klären, bevor ein schwerwiegender Vorfall eintritt.

KI-Souveränität wird zur nächsten Sicherheitsfrage


Life-Sciences-Unternehmen treiben den Einsatz von KI rasch voran, weil die Vorteile für Forschung und Entwicklung erheblich sind. Der nächste Schritt besteht darin, den Zugang zu KI-Modellen als eigene Resilienzabhängigkeit zu behandeln – zusätzlich zu Sicherheit, verantwortungsvoller Nutzung und Datenkontrolle.

«KI-Sicherheit hat bereits hohe Priorität. Jetzt ist es an der Zeit, auch über KI-Souveränität als Resilienzthema zu sprechen. Viele Unternehmen verlassen sich bei KI-Werkzeugen auf einen einzigen Anbieter oder ein einziges Land. Wie sähe eine praktikable Rückfalloption aus, wenn sich der Zugang verändert? Und könnte ein alternatives Modell kritische Aufgaben weiterhin unterstützen?»
Matthias Wittig, Partner


Führungskräfte sollten identifizieren, welche Prozesse von einem einzigen KI-Anbieter abhängen und welche Teams auch ohne diesen Anbieter arbeitsfähig wären. Eine Multi-Provider-Strategie kann zu teuer oder zu komplex sein. Ein gezielter Fallback-Test zeigt jedoch, ob Teams tatsächlich wechseln können, wie leistungsfähig ein alternatives Modell ist und für welche kritischen Prozesse eine Backup-Lösung erforderlich ist.

Lebensrettende Branchen unterliegen einem höheren Resilienzstandard


Auf regulatorischer Ebene erkennt die Europäische Union bereits, dass kritische Branchen wie Life Sciences widerstandsfähige Lieferketten benötigen. Künftige Vorgaben dürften die Sicherstellung einer kontinuierlichen Versorgung noch stärker in den Fokus rücken. Unternehmen können diese regulatorische Entwicklung zum Anlass nehmen, ihre Resilienzplanung enger mit dem zentralen Auftrag der Branche zu verknüpfen: dem Schutz der Gesundheit von Patientinnen und Patienten.

Die Resilienzagenda wird breiter. Matthias ist überzeugt, dass Unternehmen davon profitieren, auch unkonventionelle Ansätze zu prüfen und bestehende Strategien konsequent zu hinterfragen. Konkrete Schritte sind bereits heute möglich: Alternativen frühzeitig qualifizieren, Cyberreaktionen unter realistischen Bedingungen testen und kritische KI-Abhängigkeiten reduzieren. So können sich Unternehmen nicht nur auf veränderte Erwartungen vorbereiten, sondern auch ihre tägliche Entscheidungsfähigkeit stärken. Vor allem aber können sie ihr Versprechen gegenüber den Patientinnen und Patienten einhalten, die auf ihre Produkte angewiesen sind.