Die Herausforderung
Im Zuge des europäischen Ziels der Klimaneutralität bis 2050 gewinnt der Schienengüterverkehr als Fundament nachhaltiger Logistik zunehmend an Bedeutung. Sowohl Regierungen als auch Bahnbetreiber suchen nach Möglichkeiten, den Gütertransport von emissionsintensiven Lkw auf umweltfreundliche Güterzüge zu verlagern. Gleichzeitig verfügt Europa bereits über das weltweit dichteste Eisenbahnnetz – ein Ausbau der Infrastruktur ist häufig keine Option. Umso wichtiger ist es daher, auf den bereits stark frequentierten Strecken deutlich mehr Züge sicher verkehren lassen zu können.
Ein Ansatz zur Bewältigung dieser Herausforderung ist der Automatisierte Zugbetrieb (Automated Train Operation, ATO). Diese Technologie ermöglicht es, bestehende Lokomotiven mit ferngesteuerten, automatisierten Funktionen nachzurüsten oder ATO-Spezifikationen für neu gebaute, ATO-fähige Züge zu definieren. So können künftig bis zu doppelt so viele Züge gleichzeitig sicher auf den Schienen unterwegs sein, da automatisierte Züge dank intelligenter Bremssysteme mit reduziertem Kollisionsrisiko in geringeren Abständen zueinander fahren können als von Menschen gesteuerte Züge. Darüber hinaus bietet ATO Bahnbetreibern zahlreiche zusätzliche Vorteile wie einen geringeren Energieverbrauch, höhere betriebliche Effizienz und sinkende Kosten.
Unser Kunde, ein führendes regionales Güterbahnunternehmen, erhielt von einer nationalen Regierung den Auftrag, Prototypen für ATO-Lokomotiven sowie ein fernüberwachtes Betriebssystem zu entwickeln und zudem in einer einjährigen Erprobungsphase die ATO-Spezifikationen zu testen und zu definieren. Dieses komplexe Vorhaben erforderte die Ausschreibung einer Vielzahl technischer Kompetenzen sowie strategische Unterstützung bei der Auswahl passender Lieferanten – von der Definition strenger Auswahlkriterien über die Integration bis hin zum operativen Lieferantenmanagement in jeder Projektphase. Da es sich um ein öffentlich finanziertes Projekt handelte, mussten zudem höchste Anforderungen an Transparenz und Berichterstattung erfüllt werden. Deshalb entschied sich das Unternehmen dafür, Eraneos als strategischen Partner für das Programm-Management von Beginn an in das Projekt einzubinden.
Die Herangehensweise
Die Zusammenarbeit begann 2022, kurz nachdem unser Kunde mit der Entwicklung eines ATO-Prototyps beauftragt wurde. Mit Unterstützung unseres Teams fiel die Entscheidung, zwei getrennte Ausschreibungen zu starten: eine für die eigentlichen ATO-Lokomotiven, eine weitere für das fernüberwachte Betriebssystem. Wir unterstützten den Kunden dabei, technische Kriterien für die Auswahl der richtigen Partner zu entwickeln. Zusätzlich brachte der Kunde eigene strategische Auswahlkriterien in den Prozess ein. Beispielsweise legte er Wert darauf, sowohl mit großen, internationalen Lieferanten als auch mit kleineren, regionalen Akteuren aus dem Start-up-Ökosystem zusammenzuarbeiten. Diese Kombination aus technischer Kompetenz und Innovationsgeist war essenziell für ein Projekt dieser Art.
Hinzu kam, dass alle Lieferanten aufgrund der öffentlichen Finanzierung des Projekts strenge Anforderungen an Budget und Transparenz erfüllen mussten. Wir begleiteten den Kunden während des gesamten Ausschreibungsprozesses, bis schließlich ein globaler Technologieanbieter für die Entwicklung der ATO-Lokomotiven sowie ein Netzwerk aus Start-up-Partnern für die Entwicklung des fernüberwachten Systems ausgewählt wurden.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausschreibung beauftragte der Kunde unser Team mit der Unterstützung bei der Integration und dem Management der neuen Lieferanten. Neben der Entwicklung einer Governance-Struktur richteten wir ein Project Management Office (PMO) zur Steuerung der gesamten Projektdokumentation sowie eine Kollaborationsplattform ein. Wir übernahmen das vollständige Programmmanagement inklusive Lieferantensteuerung und Budgetkontrolle. Im weiteren Projektverlauf spielten wir eine zentrale Rolle dabei, sämtliche Partner auf die wichtigsten strategischen und regulatorischen Vorgaben auszurichten. Unser Team stellte sicher, dass die Zusammenarbeit aller Beteiligten reibungslos und effektiv verlief.
„Automatisierung im Schienengüterverkehr ist längst keine langfristige Vision mehr, sondern ein erreichbares Ziel.“
Das Resultat
Das Projekt befindet sich weiterhin in Umsetzung und arbeitet auf einen wichtigen Meilenstein hin: den Start einer einjährigen Betriebsprobe auf einem zentralen internationalen Güterkorridor. Zwei bestehende Güterzuglokomotiven werden aktuell mit ATO-Funktionalitäten und Fernüberwachungsoptionen nachgerüstet. Diese Testfahrzeuge werden über einen Zeitraum von zwölf Monaten unter realen Bedingungen eingesetzt, um nachzuweisen, dass die neuen Systeme unterschiedlichsten Jahreszeiten, Witterungsbedingungen und Betriebsumgebungen gewachsen sind.
Während der Testphase wird die Sicherheit jederzeit gewährleistet, indem erfahrene Lokführer weiterhin als Rückfallebene an Bord sind. Die automatisierten Systeme steuern Traktion und Bremsen, während das Fahrpersonal die Streckenverhältnisse überwacht und bei Bedarf eingreifen kann. Auch die Komponenten der Fernüberwachung werden in kontrollierten Szenarien umfassend getestet.
Das Projekt unterstützt unseren Kunden auf mehreren strategischen Ebenen: Zum einen wird die technische Machbarkeit von ATO im Güterverkehr praxisnah belegt. Gleichzeitig ist dies der erste Schritt, um nach und nach die umfangreiche Lokflotte des Kunden für eine nachhaltigere Zukunft fit zu machen. Darüber hinaus leistet das Projekt einen Beitrag zur Definition der europäischen ATO-Spezifikationen und stellt so sicher, dass Betreiber europaweit ihre Lokomotiven umrüsten oder beschaffen können – im Vertrauen darauf, die notwendigen Ausnahmegenehmigungen für den Betrieb im Netz zu erhalten.
Dank des strukturierten und partnerschaftlichen Programm-Managements von Eraneos konnte der Kunde bei dieser komplexen, strategisch bedeutsamen Transformation bereits spürbare Fortschritte erzielen. Dieses Projekt ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wir Bahnbetreiber dabei unterstützen, neue Automatisierungstechnologien sicher und ohne Kompromisse bei Sicherheit oder Betriebsintegrität in bestehende Systeme zu integrieren. Es zeigt eindrucksvoll: Automatisierung im Schienengüterverkehr ist längst keine bloße Zukunftsvision mehr, sondern ein erreichbares Ziel.
