Die Energiewende erfordert mehr als zusätzliche Erzeugungskapazitäten. Entscheidend ist ein System, das in der Lage ist, sich selbst zu koordinieren, anzupassen und nach Störungen rasch wieder zu erholen. Dies gilt, während der Anteil erneuerbarer Energien steigt, Stromnetze digitalisiert werden und Infrastrukturen zunehmend vernetzt sind. Resilienz wird damit zur strategischen Gestaltungsaufgabe für Energieunternehmen, Versorger und Netzbetreiber.
Der Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel, beschädigte Unterseekabel, der Krieg in der Ukraine und Netzengpässe verdeutlichen dieselbe Realität: Energieunabhängigkeit, Business Continuity, Cybersecurity und die Steuerung komplexer Ökosysteme sind eng miteinander verbunden.
Resilienz geht heute weit über den Schutz einzelner Anlagen hinaus. Entscheidend ist, wie gesamte Systeme gemeinsam vorbeugen, reagieren, Auswirkungen abfedern und sich erholen.
Gleichzeitig ist digitale Komplexität zu einem zentralen Element der strategischen Agenda im Energie- und Versorgungssektor geworden, erklärt Meindert Duker, Partner bei Eraneos und Experte für Energie- & Versorgungsunternehmen.
Wenn innerhalb eines einzelnen Umspannwerks zu viele unterschiedliche Monitoring-Systeme vorhanden sind, ist das keine technische Detailfrage. Es ist ein Signal für die Geschäftsleitung, dass Standardisierung darüber entscheidet, ob Resilienzziele und Kapazitätsambitionen bis 2050 erreichbar bleiben.
Wo beginnt Resilienz heute? Wie lässt sich der Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, ohne neue Anfälligkeiten zu schaffen? Und welche Herausforderungen müssen vor dem nächsten Ausfall, Engpass oder Kabelvorfall adressiert werden? Unsere Experten nehmen Stellung.
Resilienz als systemische Verantwortung
Energieunternehmen wissen, wie man Infrastruktur schützt. Diese Kompetenz bleibt essenziell. Die heutigen Resilienzanforderungen beginnen jedoch dort, wo traditionelle Schutzkonzepte an ihre Grenzen stossen. Der Energiesektor basiert zunehmend auf vernetzten Stromsystemen, digitalen Steuerungsumgebungen und datengetriebenen Prognosemodellen.
Belle Webster sieht den europäischen Regulierungsrahmen als Ausdruck dieses erweiterten Verständnisses: «CER und NIS2 machen Resilienz zu einer systemischen Verantwortung, die sich über Sektoren, Landesgrenzen sowie physische, digitale und organisatorische Risiken hinweg erstreckt.»
Für Meindert Duker hat diese Entwicklung unmittelbare operative Konsequenzen: «Die Branche ist stolz darauf, hervorragend auf Vorfälle reagieren zu können. Der nächste Schritt besteht darin, eine Strategie zu entwickeln, die verhindert, dass es überhaupt zu einem Vorfall kommt.»
Systemgrenzen bestimmen das Tempo der Energiewende
Der Ausbau erneuerbarer Energien schafft erhebliche Wachstumschancen, bringt jedoch auch neue systemische Abhängigkeiten mit sich. Mehr erneuerbare Erzeugung bedeutet mehr Volatilität, höheren Bedarf an Netzstabilisierung, intensivere Nutzung digitaler Prognosen sowie eine engere Koordination zwischen Erzeugern, Netzbetreibern, Kunden und Regulierungsbehörden. Die Europäische Kommission schätzt den Investitionsbedarf für Europas Stromnetze bis 2030 auf rund 584 Milliarden EUR.
In diesem Umfeld darf Resilienz nicht als konkurrierende Priorität betrachtet werden. Netzkapazitäten, Anschlusswartelisten und regulatorische Rahmenbedingungen bestimmen massgeblich, wie schnell erneuerbare Projekte tatsächlich Systemkapazität schaffen. «Wer erneuerbare Infrastruktur aufbaut, ohne Resilienz mitzudenken, integriert neue Anfälligkeiten direkt in die Energiewende», sagt Belle Webster. «Der Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im April 2025 verdeutlicht dies exemplarisch. Laut Abschlussbericht von ENTSO-E waren nicht erneuerbare Energien die Ursache, sondern Herausforderungen bei der Spannungsregelung sowie die systemweite Ausbreitung einer lokalen Störung. Eine Erinnerung daran, dass systemweite Koordination sowie die Abstimmung von Marktmechanismen, Regulierung und physikalischen Netzgrenzen selbst zentrale Bestandteile von Resilienz sind.»
Meindert Duker warnt davor, die historisch hohe Robustheit physischer Netzinfrastruktur als Argument zu nutzen, strategische Entscheidungen aufzuschieben. Zwar kann das Stromnetz operative Belastungen über einen gewissen Zeitraum abfedern, doch Netzausbau und Infrastrukturinvestitionen erfordern lange Vorlaufzeiten. «Ein robustes Netz kann ein trügerisches Gefühl von Zeit vermitteln. Das physische System mag kurzfristig belastbar sein, doch strategische Entscheidungen zum Netzausbau benötigen nach wie vor fünf bis zehn Jahre.»
Strategische Souveränität: Daten, Plattformen, Kontrolle
Energieunabhängigkeit wurde lange primär über Versorgungssicherheit, Erzeugungskapazitäten und Energieträger definiert. Diese Faktoren bleiben zentral. Mit der digitalen Transformation gewinnt jedoch eine weitere Dimension an strategischer Bedeutung. Netzsteuerung, KI-gestützte Prognosen und digitale Marktplattformen stellen zunehmend die Frage, wer die Systeme kontrolliert, von denen die Branche abhängig ist.
Belle Webster betont, dass Führungskräfte im Energie- und Versorgungssektor verstehen müssen, wer die Regeln für kritische Plattformen definiert, wer Zugriff auf operative Daten hat und wer die Validierung zentraler digitaler Modelle verantwortet. «Digitale Souveränität ist nicht nur eine technische Frage. Es geht darum, wer die Regeln setzt, wer Zugriff auf operative Daten hat und wer die Systeme validiert, von denen die Stabilität des Netzes zunehmend abhängt.»
Meindert Duker bringt dieses Thema zurück auf Standardisierung und operative Disziplin. Jede zusätzliche Anwendung und jede weitere Monitoring-Umgebung erhöhen die Komplexität, im Regelbetrieb ebenso wie bei Störungen. «Standardisierung mag auf den ersten Blick operativ erscheinen. Tatsächlich ist sie ein strategischer Hebel für Resilienz und operative Exzellenz. Jedes unnötige Tool erhöht die Komplexität, die ein Unternehmen in Ausnahmesituationen bewältigen muss.»
Resilienz entscheidet sich an den Schnittstellen
Der Energiesektor ist eng mit Transport, Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, Wasserversorgung, Kommunalverwaltungen und öffentlicher Sicherheit vernetzt. Störungen in einem Bereich können sich rasch auf andere übertragen, da diese Systeme täglich voneinander abhängig sind. Sektorübergreifende Zusammenarbeit wird damit zu einem integralen Bestandteil jeder tragfähigen Resilienzstrategie.
In Belle Websters Erfahrung verfügen viele Unternehmen über robuste interne Konzepte. Diese lassen sich jedoch nicht automatisch auf sektorübergreifende Szenarien übertragen. «Viele Unternehmen sind innerhalb ihrer eigenen Strukturen gut vorbereitet. Der eigentliche Resilienz-Test beginnt dort, wo der Plan eines Unternehmens auf das Mandat eines anderen trifft.»
Meindert Duker ergänzt, dass sektorübergreifende Resilienz bereits bei alltäglichen Geschäfts- und Betriebsentscheidungen beginnt. «Sektorübergreifende Resilienz entsteht nicht erst in der Notfallplanung. Sie beginnt bei alltäglichen Entscheidungen, beispielsweise bei der Frage, wie ein öffentlicher Verkehrsbetrieb Strom beschafft und nutzt.»
Resilienz gestalten, die mit der Energiewende Schritt hält
Resilienz muss gleichzeitig operativ umsetzbar und strategisch steuerbar sein. Eraneos verfolgt einen integrierten Ansatz, der Regulierung, Business Continuity, Cyber Resilience, digitale Souveränität, Operating Models und Technologie zusammenführt.
- Governance verankern, wo Entscheidungen getroffen werden
Der erste Schritt besteht darin, Verantwortlichkeiten eindeutig festzulegen. Verwaltungsräte, Geschäftsleitungen und Führungsteams müssen definieren, wer Resilienz verantwortet, wie eskaliert wird und welche Zielkonflikte die Aufmerksamkeit der Geschäftsleitung erfordern. - Rollen befähigen statt allgemeine Leitlinien kommunizieren
Resilienz verbessert sich, wenn Mitarbeitende ihre Rolle in konkreten Situationen verstehen. Leitstellen, IT-Teams, OT-Spezialisten, Beschaffungsverantwortliche und Führungskräfte benötigen zielgerichtete Vorbereitung. Rollenbasierte Trainings und realitätsnahe Übungen übersetzen strategisches Bewusstsein in wirksames Handeln. - Das Gesamtsystem messen, nicht nur einzelne Vorfälle
Klassische Vorfallkennzahlen zeigen nur einen Ausschnitt der operativen Realität. Energie- und Versorgungsunternehmen sollten zusätzlich messen, wie schnell Entscheidungen getroffen werden, wie klar Eskalationswege definiert sind, wie gross Abhängigkeitsrisiken sind und wie effektiv die Stakeholder-Koordination funktioniert.
Resilienz schafft Vertrauen und Wettbewerbsfähigkeit
Regulatorische Anforderungen schaffen Handlungsdruck, und dieser Handlungsdruck ist sinnvoll. CER und NIS2 stärken die Grundlage von Energie- und Versorgungsunternehmen für kritische Dienstleistungen und digitale Systeme. Führende Unternehmen betrachten Compliance jedoch nicht als Endziel, sondern als Ausgangspunkt für strategische Wertschöpfung. Kunden, Regulierungsbehörden und Partner erwarten Kontinuität, Wiederherstellungsfähigkeit und Verlässlichkeit. «CER und NIS2 sind Mindestanforderungen. Führende Organisationen nutzen sie als Ausgangspunkt und nicht als Grenze ihrer Ambitionen», sagt Belle Webster.
Für Meindert Duker besteht die eigentliche Führungsaufgabe darin, diesen Anspruch in konkretes Handeln zu übersetzen. Mitarbeitende müssen erkennen, dass Resilienz klar im Unternehmen verankert ist und von der Führung aktiv eingefordert wird. «Die erste Frage beim Thema Resilienz lautet nicht, ob der Begriff in einer Regulierung erwähnt wird. Entscheidend ist, wer am Montagmorgen die Verantwortung dafür trägt.»
Die Energiewende hängt von Unternehmen ab, die wachsen, sich transformieren und sich von Störungen erholen können. Resilienz ermöglicht es Führungskräften, auch unter Unsicherheit fundierte Entscheidungen zu treffen und jene kritischen Dienstleistungen zu schützen, auf die Wirtschaft und Gesellschaft angewiesen sind.